„Haus der Ewigkeit“ – die jüdischen Friedhöfe der Medinat ASchPaH in Schnaittach

Der älteste der drei Friedhöfe entstand im ausgehenden 15. Jahrhundert, als sich Juden im Markt niederließen. Sicher gehörte er zu den ersten Einrichtungen der jungen jüdischen Gemeinde, die damit das seit biblischen Zeiten geltende selbstverständliche Gebot einer würdigen Bestattung und der Anlage einer letzten Ruhestätte erfüllte. Dieses „Haus der Ewigkeit“, bet olam, oder „Haus des Lebens“, bet ha-chajjim, diente auch den Tochtergemeinden in Ottensoos, Forth und Hüttenbach als Begräbnisstätte. Aus den vier Anfangsbuchstaben (in alter Schreibweise) entstand der Name dieser Medinat: „ASchPaH“ (A=Ottensoos, Pa=Forth). Bis zum Jahr 1607 wurden auch der Dompropstei Bamberg unterstehende Fürther Juden in Schnaittach bestattet.

Der älteste Grabstein soll von 1437 sein. Ein wissenschaftlicher Beleg steht aus. Es finden sich noch zahlreiche Grabdenkmäler der Frühen Neuzeit. So beklagt ein Fürther Jude den Tod seiner jungen Frau im Jahr 1549 mit innigen Worten. Er preist ihre Güte und lobt ihre Einhaltung der Gebote Challa (Teighebe), Nidda (Reinheitsvorschriften) und Hadlaqa (Anzünden der Schabbatkerzen). Das Sterbejahr erschließt sich aus der hebräischen Zahlensymbolik.

 

Jede Phase der wechselvollen jüdischen Geschichte der ASchPaH-Gemeinden spiegelt sich in den Grabinschriften wider, die regelmäßig weit mehr als nur biografische und historische Informationen geben. Die anspruchsvollen Texte der früheren Jahrhunderte wurden regelrecht komponiert, von Gelehrten erstellt, die es über Jahrhunderte in Schnaittach gegeben hat. So erwartet die wissenschaftlich-heimatkundliche Forschung im alten Friedhof Einblicke in die religiösen Traditionen, weitere Erkenntnisse zur „Schnaittacher Gelehrsamkeit“ durch die seit 1615 in Schnaittach bestehende Talmudschul und ihren geachteten Rabbinern und Gelehrten, zum christlich-jüdischen Zusammenleben und dem politischen Einfluss der jeweiligen Herrschaft sowie zum Stellenwert der Verstorbenen in ihrer jeweiligen Gemeinde. Die meisten der erhaltenen Grabsteine im alten Friedhof stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Sie erzählen nach ersten Erkenntnissen der Wissenschaftler von Amtsträgern wie dem Leiter des rabbinischen Gerichts mit Sitz in Schnaittach, der auch Landesrabbiner war, bis zu den Synagogendienern in den Tochtergemeinden.

 

Die Anlage des mittleren Friedhofs erfolgte im Jahre 1834 auf der gegenüberliegenden Seite des sogenannten „Judensteig“, heute Krankenhausweg, nachdem die Bemühungen um eine Erweiterung des alten „guten Ortes“ durch Erwerb eines benachbarten Grundstücks gescheitert waren. Auch für diesen Friedhof war eine Erweiterung nach seiner Vollbelegung nicht möglich, so dass die Jüdische Gemeinde im Jahre 1897 ein drittes Grundstück in unmittelbarer Nähe erwarb und hier das Tahara-Haus (Tahara = Reinigung) aus den Grundmauern des im alten Friedhof abgetragenen Hauses neu errichtete.

 

Die Nationalsozialisten zerstörten, stürzten oder entwendeten Hunderte der steinernen Zeugen nach dem Novemberpogrom 1938. Im ersten Friedhof entstanden so etliche Lücken in den ältesten Gräberfeldern, viele Grabsteine liegen seither flach, und aus den Jahren 1816 bis 1833 existiert kein einziger Grabstein mehr. Den von 1834 bis 1896/97 mit über 300 Gräbern belegten mittleren Friedhof räumten die Nazis komplett. Im dritten Friedhof zerstörten sie alle Grabdenkmäler aus den Jahren 1936 bis 1938, 140 Steine sind noch ganz oder teilweise erhalten.

 

Der Friedhof ist nach jüdischem Verständnis eine geweihte Stätte, auch oft „der gute Ort“ genannt. Alles gehört den Verstorbenen. Seit dem Jahr 2000 werden wiedergefundene Grabsteine zurückgebracht. In den mittleren Friedhof sind zwischenzeitlich über 50 Steine oder Fragmente „heimgekehrt“, die etwa als Treppenstufen für das Heimatmuseum in der ehemaligen Synagoge 1939 und bei der Auffüllung des Bachs zweckentfremdet worden waren. So ist es gelungen, dass etliche Grabsteine die Geschichte der alteingesessenen jüdischen Familien seit Mitte des 16. Jahrhunderts wieder „erzählen“ können. Noch immer lassen sich Steine finden, die von der Marktgemeinde behutsam geborgen, zurückgeführt und im Einvernehmen mit dem Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern wieder einen würdigen Platz auf dem Friedhof einnehmen dürfen.

 

Manche der umgestürzten und mit Gestrüpp bedeckten Grabdenkmäler zeigen sich gelegentlich, als wollten sie sich lesen lassen. So gelang es im Jahr 2011, den Bereich für Rabbiner, Gelehrte und besonders geachtete Männer im alten Friedhof zu lokalisieren. Diese Grabsteine berichten nun wieder von einem Toragelehrten, seinem Schüler und von dem aus dem Memor(Erinnerungs)-buch bekannten Jissachar Bärle. Seine Grabinschrift zeichnet ihn als Fürsprecher der Juden aus, als um die Wende zum 18. Jahrhundert auch das Rothenberger Gebiet von pogromartigen Tumulten erfasst wurde.

 

Die auf den Grabsteinen noch lesbaren hebräischen Inschriften werden im Rahmen eines Forschungsprojekts mit Hilfe europäischer Fördergelder und dem Markt Schnaittach als Träger gegenwärtig von dem renommierten Salomon Ludwig Steinheim-Institut wissenschaftlich bearbeitet, dokumentiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht (siehe auch unter weiterführende Link's). So wird dieses steinerne Archiv der landjüdischen Bevölkerung in unserer Region in absehbarer Zeit erschlossen sein und den BesucherInnen aus nah und fern Auskunft geben über einen wichtigen Teil der Jahrhunderte alten Geschichte, über die ASchPaH-Gemeinden, ihre Mitglieder, die familiären Zusammenhänge, die Religiosität, Gelehrsamkeit und Traditionen. 

Die jüdischen Friedhöfe befinden sich in folgenden Straßen: 

Henselbühl, Johannisgasse und Krankenhausweg

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